SCHIENE regional - Bahnthemen Südwest

© 2008 by Frank-D. Paßlick, Gengenbach
 

 

Über den Tarifdschungel durch die "Kleinstaaterei"
der Tarifverbünde am Oberrhein

Fahrt im RE 3020 von Basel nach Karlsruhe

erschienen in Ausgabe 3/1998 der Zeitschrift SCHIENE

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Die Nacht war offensichtlich wieder sehr kurz, denn recht schlaftrunken steigen die Fahrgäste zu früher Stunde in den Regionalexpress RE 3020 ein, der auf Gleis 7 in Basel Badischer Bahnhof wartet. Kaum einer schaut hinüber nach Gleis 1, das keinen Bahnsteig hat, dafür aber das Frachtgutnadelöhr zwischen Nord- und Südeuropa darstellt: Einer der vielen Güterzüge dieser Nacht donnert durch den Bahnhof in Richtung Italien. Auch der Zugbegleiter des 3020 beachtet ihn nicht, obwohl er schon einige Zeit hellwach sein muß: Wagenliste, Bremszettel für den Lokführer, Bremsprobe und Schlußlicht, Zugfertigmeldung - alles erledigt. - Kommen Sie, wir werden den KIN (Kundenbetreuer im Nahverkehr) auf dem ersten Stück der Reise nach Stuttgart begleiten. Drei Stunden und fünfundvierzig Minuten nach der planmäßigen Abfahrt um 5.57 Uhr wird der Zug in einer halben Umrundung des Schwarzwalds über Freiburg, Offenburg, Karlsruhe und Pforzheim den Stuttgarter Hauptbahnhof erreichen. Die Abfahrtzeit erinnert an E 557, so hieß der ehrwürdige Zuglauf vom südbadischen Dreiländereck ins württembergische Zentrum vor dreißig Jahren. Seine Fahrplanlage blieb über Jahrzehnte erhalten, allerdings brauchte E 557 siebzehn Minuten weniger, um an sein Ziel zu gelangen. Als E 3080 war er in den Achtzigern das Sorgenkind von Fahrgästen und Eisenbahnern, denn der Fahrplan verlangte inzwischen eine zusätzliche Bedienung oberrheinischer Städte an der Kursbuchstrecke 700, wie sie damals noch hieß, ohne dem stark frequentierten Zug die notwendige Fahrzeitverlängerung zu gewähren. Das Resultat waren verläßliche zehn Minuten Verspätung.

Viele Abgeordnete und höhere Beamte nutzten damals noch den in Zugmitte eingereihten schönen blauen "Am" zur erstklassigen Fahrt in die Landeshauptstadt. Die vier "Bn"-Silberlinge sind heute noch am Zug, aber unser KIN hat inzwischen im ehemaligen Reichsbahnwagen "ABom" (mit dem unverwechselbaren Duft noch nicht vergessener Vorwendezeiten) unmittelbar hinter der Lok der BR 111 sein Dienstabteil eingerichtet. Am Zugende hängt heute zusätzlich ein "Blinder", ein abgeschlossener Wagen zur Überführung.

Der Betreuergang durch den Zug bleibt immer wieder ein Abenteuer der besonderen Art. Probleme mit Reisenden wegen auftretender Verspätungen kommen nur noch sehr selten vor, denn der Zug gilt mittlerweile, nach Anpassung des Fahrplans an die Fahrzeitrealität, als besonders pünktlich. Die moderne "Kleinstaaterei" der Landkreise mit ihren Verkehrsverbünden sorgt inzwischen dafür, daß es dem Zugbegleiter nicht langweilig wird. Meinen Fahrschein brauche ich nicht herauszukramen, die persönliche und verbundübergreifende DB-Jahreskarte samt ihres Inhabers sind allen Mitarbeitern der KIN-Gruppe bekannt. Interessanter ist der Zettel, den der ältere Herr im nächsten Abteil aus der Jackentasche zieht: Dieser RVL-Fahrschein (Regio Verkehrsverbund Lörrach), im Zubringerbus aus einem Seitental gelöst, erinnert eher an einen Aldi-Kassenbon, als an eine Fahrkarte. Wenn mich meine Menschenkenntnisse nicht ganz verlassen haben, ist sich auch der Freiburger Zugführer nicht ganz schlüssig darüber, ob, wann und von wo bis wohin das Papierchen anerkannt werden muß. Glücklicherweise hält der nächste Fahrgast unserem KIN eine deutlich abgestempelte Punktekarte von beachtlichem Format unter die Nase: Das Datum stimmt, dann werden auch genügend "Punkte" für die Fahrt durch die Zonen entwertet sein...

Zu dieser frühen Morgenstunde überwiegen allerdings die Monatskarten und Jobtickets. Die nicht übertragbaren Ausbildungskarten für Schüler, Auszubildende und Studenten sind etwa 20% günstiger als die RVL-Monatskarten, können jedoch nicht mit der günstigen KombiCard RVL/RVF (Regio Verkehrsverbund Freiburg) für den Nachbarverbund erweitert werden. Zu dumm aber auch, daß die Berufsschulen und die Uni ausgerechnet in Freiburg sind!

Und wo möchte die Mutter mit ihrem heranwachsenden Sprößling hin, die in Weil am Rhein zugestiegen sind? Ihre DB-Fahrkarte verrät nur, das der Zielbahnhof Karlsruhe ist. Der dreizehnjährige Begleiter ist natürlich (DB-tariflich) schon richtig erwachsen. Im Lörracher und Freiburger Verbund wäre er noch als Kind gefahren - mit 24-Stunden-Karte sogar unentgeltlich in Begleitung der Mutter. Unser Schaffner (Entschuldigung, aber so wurde er gerade angesprochen) hat bezüglich der Altersgrenzen genug leidvolle Erfahrungen sammeln müssen. Schließlich werden die Kinder im KVV (Karlsruher Verkehrsverbund) erst mit sechzehn erwachsen, während sich der Ortenaukreis mit seinem TGO-Tarif (Tarifverbund Ortenau, früher Tarifgemeinschaft Ortenau) wenig kinder- und familienfreundlich zeigt. Die Aussage des TGO-Tarifheftchens "Kinder von 4 - 11 Jahren fahren zum halben Preis" wird in der Praxis so umgesetzt: "In Tarifstufe drei entwerten Erwachsene drei Streifen, Kinder zwei" (DM 2,70 / 1,80) - da hat doch 'mal wieder ein Mathematiklehrer gründlich versagt! Vor der Einführung des Verbundtarifs am 1. Februar mußte das Kind mit Familienpaß in der gleichen Entfernungsstufe übrigens nur 75 Pfennige bezahlen.

Rücken an Rücken mit dem Dreizehnjährigen, dessen Anblick meine Gedanken durch die tariflichen Abgründe der vor uns liegenden Verbünde eilen ließ, sitzt ein bärtiger junger Mann - schätzungsweise zehn Jahre älter als der Jüngling - mit der RVL RegioCard Plus für Jugendliche! Mit dieser wunderbaren Monatskarte kann die Kreis- Landes-, Bundes- und EG-Grenze überfahren werden, denn RegioCard Plus ist die gemeinsame Zeitkarte von RVL und TNW (Tarifverbund Nordwestschweiz). Sie verspricht fast ewige Jugend, denn erst mit 25 Jahren muß der Erwachsenentarif berappt werden. Und dazu darf der Inhaber zwischen Basel Bad Bf und Basel SBB ohne Zuschlag oder Aufpreis jeden IC, EC und ICE benutzen - falls nicht die häufiger fahrende Straßenbahn, ich meine natürlich 's Trämli, vorgezogen wird.

Regio-Karte Jetzt wollte ich eigentlich noch anmerken, daß mit der 24-Stunden-Karte und den Regio-Karten "ein Hund (maximal 4) anstelle eines Kindes unentgeldlich mitgenommen werden" können (wörtlich zitiert!), aber wir haben inzwischen das RVL-Gebiet verlassen und nähern uns Freiburg. Die Tarifbestimmungen von RVF und RVL sind in vorbildlicher Weise ähnlich (die Hunderegelung ist identisch), was Fahrgäste und Zugbegleiter gleichermaßen erfreut. Im abwechslungsreichen RVF-Tarifgebiet, das außer der Stadt Freiburg auch die Landkreise Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald umfaßt, erfreut sich die Regiokarte einer besonders hohen Akzeptanz. Unser Schaffner hat nicht viel zu tun: Regio-Monatskarte, Regio-Jahreskarte usw. usw. Der Andrang der Fahrgäste war nach der Einführung dieser "Bezirkskarten" so groß, daß sich die damalige Bundesbahn zu erheblichen Strukturänderungen veranlaßt sah. Im Höllental wurde ein durchgehender Halbstundentakt mit Doppelstockwagen eingeführt, andernorts mußten Bahnsteige verlängert werden. Nur die Grenzen der Streckenbelastbarkeit verhinderten weitere Angebots- verbesserungen. Der Ausbau von Kreuzungsgleisen auf der eingleisigen Höllentalbahn wirkt sich bei Verspätungen sehr ungünstig auf die Betriebsabwicklung aus. Auf dieser sehenswerten Steilstrecke kann übrigens mit RVF-Tickets zuschlagfrei der InterRegio benutzt werden.

TGO-Karte Auch der Ortenaukreis hat sechs Städte mit InterRegio-Bedienung: Achern, Offenburg, Lahr, Kehl, Hausach und Hornberg. Wer denkt bei letzterer Stadt nicht gleich an das Hornberger Schießen - und die armen Hornberger fallen tatsächlich auch beim TGO-Tarif auf die Nase: obwohl die Nahverkehrszüge der neuen Ortenau-S-Bahn nur bis Hausach im Kinzigtal fahren, bleibt die Weiterfahrt im IR mit dem TGO-Fahrschein verwehrt. Immerhin wird derzeit beim DB-Unternehmensbereich Fernverkehr (Reise&Touristik) über dieses Problem nachgedacht...

Ausgesprochenes Glück haben übrigens die Fahrgäste unseres RE 3020 mit den Anschlüssen auf die Ortenau-S-Bahn in Richtung Kehl und Bad Griesbach, selbst der "Hausacher" fährt bereits 22 Minuten nach der Ankunft in Offenburg ab. In anderen Relationen zu anderen Tageszeiten wird der umsteigende Fahrgast den Begriff S-Bahn allerdings eher als Hohn empfinden. Nur Kunden mit besonders guter Selbstbeherrschung sollten sich auf das Abenteuer einlassen, von Basel mit dem IC in Offenburg ankommend ins Kinzigtal weiterfahren zu wollen, denn die S-Bahn verläßt den Bahnsteig pünktlich in der Ankunftsminute. Keine Panik - 60 Minuten später fährt ja wieder ein "Anschluß"-Zug. Der Ortenaukreis als größter Flächenkreis in Baden-Württemberg ist vom angestrebten ITF (integraler Taktfahrplan) noch weit entfernt.

Aber es gibt doch auch ein Highlight in der Ortenau, und zwar im kleinen Grenzverkehr: den Euro-Pass, der als Tages- und Monatskarte ausgegeben wird. Für etwa 50 Euro können einen Monat lang die grenznahen Zonen des TGO-Gebiets sowie Strasbourg und Umgebung befahren werden.

Es ist 7 Uhr 46, Abfahrt in Offenburg. Beinahe jeder Sitzplatz ist belegt, kurz vor den Sommerferien, wenn die Schulklassen ausschwärmen, auch die Stehplätze. Eine junge Kollegin hat den müden Zugbegleiter abgelöst. Bis Karlsruhe wird sie es kaum durch den ganzen Zug schaffen. Früher hatte ein sechs-Wagen-Zug immer zwei Begleiter, was besonders in den Kurvenbahnhöfen wie Rastatt der Sicherheit zuträglich war.

Der nächste Halt nach dem Bahnhof - besser gesagt: Baustelle - Appenweier ist bereits der "Grenz"bahnhof Achern. Seit dem Fahrplanwechsel halten hier, zur Freude der Stadtväter, auch einige InterRegios. Die Kreisgrenze ist gleichzeitig Tarifgrenze zum KVV. Mit dem fairen Angebot des TGO/KVV-Übergangstarifs läßt sich gut von Süd nach Nord und umgekehrt reisen: man nehme zum Beispiel eine TGO-Monatskarte bis Renchen und die Übergangs-Monatskarte Achern - Bühl (Baden). Bei Weiterfahrt im KVV-Gebiet genügt es, im Besitz von Wochen- oder Monatskarten in angrenzenden Zonen zu sein, eine Übergangsfahrkarte muß seit Mai nicht mehr gelöst werden.

"Personalwechsel, die Fahrscheine bitte". Unsere Mutter mit ihrem Sprößling bekommt einen zweiten Zangenabdruck auf ihre Karte - glücklich, wer sich mit dem DB-Fahrschein in der Hand um keinen Verbundtarif scheren muß. Dabei macht es eigentlich Spaß das KVV-Heftchen "Alle Fahrkarten, alle Preise" anzuschauen. Auf den ersten Seiten es auch alles noch ganz einfach. Und spätestens bei der 24-Stunden-Karte wird der Leser überzeugt sein: Das riesige KVV-Netz für DM 15, und das für zwei Erwachsene und zwei Kinder (unter 16) oder alle eigene Kinder unter 16! Wer trotzdem weiterblättert muß ganz schnell feststellen, daß die Welt in Karlsruhe (das ging jetzt aber schnell) nicht aufhört. Unser Zug wird schon bald den VPE (Verkehrsverbund Pforzheim) erreichen, während sich die Umsteiger Richtung Heidelberg/Mannheim mit den Übergangsbestimmungen zum VRN (Verkehrsverbund Rhein-Neckar) herumschlagen müssen. Hoffnungsvoll grün sind die Lettern "Übergangs- und Sonderregelungen" im KVV-Heftchen. Und spannend ist die Lektüre der folgenden zweieinhalb Seiten, hier eine kleine Leseprobe: "Für Fahrten zwischen diesen Orten bzw. zu Zielen im übrigen Tarifgebiet des KVV werden Fahrkarten nach dem KVV-Tarif ausgegeben. Für Fahrten innerhalb dieser Orte bzw. zu Zielen im übrigen Tarifgebiet des VRN werden Fahrkarten nach dem VRN-Tarif ausgegeben". - Ich muß hier leider aussteigen, aber es dürfte ja alles klar sein... Weiterhin gute Fahrt!

 

Anmerkungen:
Zuglaufschild 3020

Inzwischen ist der 3020 Vergangenheit: der alte und attraktive Zuglauf hat den Fahrplanwechsel zum 30. Mai 1999 nicht überlebt. Geblieben ist die Bedienung zwischen Basel und Karlsruhe, während der "Anschluss" zur Weiterfahrt nach Stuttgart erst nach erheblicher Wartezeit abfährt.

Der Tarifdschungel wurde zwar nicht gelichtet, aber es sind in den vergangen Jahren doch viele Angebote eingeführt worden, die Tarifgrenzen überwinden helfen. Vom Baden-Württemberg-Ticket über den Zusammenschluss von fünf südbadischen Verbünden mit "fanta5" und "badisch24" - eine gute Entwicklung.

Siehe auch: Und übrig bleibt das Zuglaufschild - Ende des legendären "3020"
 

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