Nahverkehr im Ortenaukreis

© 2018 by Frank-D. Paßlick, Biberach/Baden
 

Autonomer Bus fährt in Lahr

Ein mutiger und innovativer Schritt zum idealen Zeitpunkt
Betriebsstart autonomer Bus Lahr

Die Landesgartenschau Lahr hat gerade ihr Besucherzahl zum "Bergfest" veröffentlicht (400.000), die Zeit hoher Besucherzahlen während der Schulferien steht kurz bevor. Es war zwar nicht im Voraus planbar, aber die Deutsche Medienlandschaft hatte das großen Themen Seehofer vs. Merkel nicht mehr, Trumps skandalöser Rundumschlag in Brüssel verrauchte recht schnell und die Deutsche Fußballmannschaft war schon lang vor dem Endspiel-Wochenende nach Hause gefahren.

Der Boden war bereitet und der gut inszenierte offizielle Betriebsbeginn des kleinen autonom fahrenden Büsschen fand daher ein erstaunlich großese Interesse in den Medien Deutschlands und auch bei den angrenzenden Nachbarn.

 
Fotos (f-dpa): Da kommt 'was auf uns zu. Skeptisch zu sein ist normal, eine Mitfahrt ist sehr anzuraten!

Die mediale "autonome" Konkurrenz bestand entweder nur aus Willenserklärungen (12.07.2018: Vertragsabschluss über autonome S-Bahn in Hamburg) oder war weit, weit weg (Start des autonomen Güterzugverkehrs auf der Schiene in Australien - einige Stunden früher als in Lahr, aber auch am 13. Juli 2018).

Autonome System sind schon seit vielen Jahren im Einsatz. Da fahren Flurförderfahrzeuge, ihren Weg vom Startpunkt bis zum Ziel selbst suchend, durch riesige Industriehallen. Mehrere Dimensionen größer ver- und beladen autonome Krananlagen und Förderfahrzeuge im Zusammenspiel riesige Containerschiffe und spurgebundene Fahrzeuge fahren bereits seit zwei Jahrzehnten, z. B. als U-Bahn in Nürnberg. All diese Beipiele haben aber einen großen Vorteil gegenüber dem kleinen Bus in Lahr: sie verkehren in geschlossenen Systemen. Da kommt kein Privatwagen, Fußgänger oder Radfahrer in die Quere (und wenn doch, dann gibt es keine flexible Reaktion, sondern nur den Nothalt - oft mit erheblichen Folgekosten!).

Nun lassen wir ihn mal fahren!
Betriebssart autonomer Bus Lahr Schwarzwald; Foto f-dpa

Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Mitte, mit hellem Strohhut) hat seinen Spaß daran, den Bus (das Büssle) endlich fahren zu lassen - mit ihm als Fahrgast. Links neben ihm haben die Landtagsabgeordnete Sandra Boser (GRÜNE) und SWEG Vorstandsvorsitzender Johannes Müller geschnippelt, der zweite SWEG-Vorstand Tobias Harms steht ganz rechts im Bild. Neben Minister Hermann steht die Freiburger Regierungspräsidenten Bärbel Schäfer und der Oberbürgermeister von lahr, Wolfgang G. Müller.

Autonome Fahrzeuge im öffentlichen, nicht spurgebundenen Verkehr, besetzt mit nicht extra geschulten Fahrgästen, sind ganz anderen Anforderungsprofilen ausgesetzt. Die technischen Rahmenbedingungen, entscheidend für den langwierigen und kostspieligen Zulassungsprozess in Deutschland für ein autonomes Fahrzeug im öffentlichen Raum, sind entsprechend restriktiv - der mitfahrende Fahrgast merkt davon allerdings nur einige wenige: alle der höchstens sechs mitfahrende Personen müssen während der Fahrt sitzen (Gefahr bei möglichen Schnellbremsungen), eine eingewiesene Begleitperson muss grundsätzlich mitfahren, das Fahrzeug darf sich nur auf dem zuvor festgelegten Fahrweg bewegen, die Höchstgeschwindigkeit ist auf 15 km/h limitiert (der Bus ist ausgelegt für max. 45 km/h).

Die Südwestdeutsche Landesverkehrs-AG (SWEG) bringt gefördert vom Land Baden-Württemberg und dem Regierungspräsidium Freiburg in Lahr den autonom fahrenden (Klein-) Bus auf die Straße.
Zum Einsatz kommt das Fahrzeug EZ 10 des französischen Herstellers EasyMile. Der Bus benötigt keine zusätzliche Infrastruktur er richtet sich nach einer virtuellen Linie, die in der Software des Fahrzeugs abgebildet und geladen ist. Dank modernster Sensoren kann er auf den Zentimeter genau fahren und sämtliche Hindernisse und Signale auf der Straße erkennen. Im Regelfall fährt das Fahrzeug im autonomen Modus mit einer Geschwindigkeit von maximal 15 Kilometern pro Stunde. Der Sicherheitsbegleiter ist jederzeit für die Sicherheit im Fahrzeug während der Fahrt verantwortlich und kann bei Bedarf eingreifen. Dank eines Hubliftes können auch Fahrgäste mit Rollstuhl oder Kinderwagen problemlos befördert werden.

auf der Fahrt im autonomen Bus Lahr

Das elektrisch angetriebene Fahrzeug, das keinen Fahrer, kein Lenkrad und kein "Gaspedal" aufweist
(so steht es in vielen Veröffentlichungen zu diesem Modellversuch; ein elektrisch angetriebenes Fahr- zeug mit Gaspedal erschiene dem Berichterstatter doch ziemlich suspekt). Der Bus fährt am 14. Juli 2018 und anschließend bis zum 30. September, jeweils von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr. Die Haltestellen sind "Kanadaring" auf der Schwarzwaldstraße und "Bürgerpark" beim Eingang der Landesgartenschau am Mauerweg. Die Strecke befindet sich komplett auf öffentlichen Straßen. Es gibt keinen festen Fahrplan, die komplette Rundfahrt dauert zehn Minuten. Die Mitfahrt ist kostenlos

Landesminister Winfried Hermann erklärt in seiner Eröffnungsrede für das erstmalige autonome Fahren in Baden-Württemberg, langfristig können autonome Busse den öffentlichen Verkehr noch näher zu den Menschen bringen, "zum Beispiel im ländlichen Raum auf den letzten Kilometern zum Wohnort." Und er ergänzt zur Relevanz des Projekts: "Wichtig ist es, die neuen Möglichkeiten erlebbar zu machen. Hier in Lahr kann Jede und Jeder praktisch ausprobieren, was autonomes Fahren heute heißt und was vielleicht in Zukunft möglich wird. Baden-Württemberg versteht sich als Pionierland, um die neuen Technologien wie die Digitalisierung im Sinne einer nachhaltigen Mobilität zu nutzen", so der Minister weiter. SWEG Vorstandvorsitzender Johannes Müller ergänzt: "Wir sind Vorreiter bei der Erprobung innovativer Verkehrstechnologien und wollen mit diesem Projekt inspirierende Eindrücke von zukünftigen Mobilitätsformen vermitteln."

f-dpa (07.2018)
Quellen:
Aufzeichnungen aus der Pressekonferenz und den öffentlichen Redebeiträgen am Ort des offiziellen Betriebsstarts.
Pressemitteilungen des Verkerhsministerium BW und der SWEG
Die SWEG ist ein Unternehmen, das in Baden-Württemberg und teilweise angrenzenden Gebieten Busverkehr im Stadt- und Überlandverkehr sowie Schienengüter- und Schienenpersonennahverkehr betreibt. Im Jahr 2018 ist die Verschmelzung mit der Hohenzollerischen Landesbahn (HzL) mit Sitz in Hechingen zur Südwestdeutschen Landesverkehrs-AG vollzogen worden. In dem fusionierten Unternehmen arbeiten rund 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Zur Fusion von HzL und SWEG finden Sie einen Beitrag in SCHIENE regional